Welchen Wert haben unsere Naturschutzgebiete?

Am Wochenende war ich in der Wahner Heide unterwegs. Ich habe es sehr genossen, denn die frische Luft tut mir gut und die erwachende Natur bezaubert mich. Dennoch habe ich mich geärgert. Seit nunmehr 6 Jahren kartiere ich jedes Frühjahr ehrenamtlich die mittelhäufigen und seltenen Brutvogelarten, was eine anstrengende, zeitraubende aber auch sehr erfüllende Aufgabe ist. Mein Kartiergebiet umfasst zwei Minutenfelder im Süden der Wahner Heide, nahe Troisdorf und direkt in den Auen der Agger.

Durch die Nähe zur (Klein)Stadt ist das Kartieren dort nicht immer ganz einfach, denn zahlreichen Störungen durch Fußgänger oder Hunde lassen Vögel verstummen und je leiser es ist in der Vogelwelt, desto weniger Arten kann ich aufzeichnen. Damit könnte ich mich arrangieren, aber was mich von Anfang an schwer irritiert hat, war die Ignoranz die den Verhaltensregeln in einem Naturschutzgebiet gegenüber gebracht wird. Eigentlich ist es nicht allzu schwer zu begreifen, wie man sich in einem Naturschutzgebiet zu verhalten hat und warum. Rücksichtsvoll gegenüber Pflanzen und Tieren, auf den Wegen bleiben, keinen Müll liegen lassen, Hunde anleinen. Klingt eigentlich nicht so kompliziert. Aber in der Realität scheint es die meisten Mitmenschen doch ziemlich zu überfordern. Ganz zu Beginn habe ich eine Strichliste geführt, wieviele Hunde angeleint waren und wieviele frei liefen. Nach einer Woche habe ich aufgegeben, es waren zu viele und das Missverhältnis mit einem frustrierenden Übergewicht auf der falschen Seite.

Ich habe Hunde unkontrolliert durch die Heidelandschaft rennen sehen, in der die seltenen Heidelerchen brüten. In der sich, wie es auch auf einem reich bebilderten Hinweisschild steht, eines der wichtigsten Brutvorkommen von Schwarzkehlchen in Europa befindet. Ich lernte schnell, dass Hundebesitzer äußerst aggressiv werden, wenn man sie auf den Leinenzwang im Naturschutzgebiet hinweist, dass sie einem schnell auch mal die Hunde auf den Hals hetzen wollen. Nicht ohne Grund geht die ehrenamtliche Landschaftswacht selbst nur mit großen Hunden los, um Hundehalter auf die Leinenpflicht hinzuweisen. Bei mehr als einem Übergriff durch Hunde (und ihre Besitzer!) bin ich nur durch Glück und mein Fahrrad einer Bisswunde entkommen. In meinem Kartiergebiet, einem malerischen Wiesen- und Augebiet in der Aggerniederung, sind so viele Hunde los, dass eine Totenstille herrscht. Kein Vogel weit und breit. Aber wer zieht schon seine Jungen auf, wenn ständige Prädatoren vorbeitoben?wildcamper

Da ich durch die Antragstellung für meine Untersuchungen in der Wahner Heide die zuständigen Behörden ganz gut kenne, habe ich natürlich auch mal nachgefragt. Ob da kein Interesse bestünde, das Einhalten wenigstens der basalsten Naturschutzregeln in der Wahner Heide zu kontrollieren und Verstöße zu ahnden. Mein Hinweis an das Ordnungsamt, mit einer Ermahnung der Hundehalter und dem Festsetzen von (selbst niedrigen) Bußgeldern, könnte man sich eine Goldene Nase verdienen, wurde lächelnd abgetan. Es bestehe kein Interesse daran, die Hundehalter zur Ordnung zu rufen, die Aggerauen seien schließlich auch Naherholungsgebiet und außerdem koste das Personal undundund. Bei der Aussage des Amtes, die bei meinen Anträgen peinlich genau abwägen, ob meine Untersuchungen auch wirklich keinem Tierchen oder Pflänzlein schaden, war ich absolut sprachlos, aber wahrscheinlich schlendern die Mitarbeiter selbst am Wochenende mit ihren unangeleinten, schlecht erzogenen Hunden durch die Heide.

Dass diese Laissez-faire-Einstellung auch eine bestimmte Wirkung gegenüber der Bevölkerung hat, zeigen weitere Erlebnisse meinerseits. Unangeleinte Hunde sind ärgerlich, aber auch nur die Spitze des Eisberges. Im Wald habe ich einmal zwei Kinder aufgegriffen, die mit Keschern auf dem Weg zu einem versteckten Tümpel waren. Sie wollten Kaulquappen und Frösche fangen, ihre Eltern hätten sie geschickt. An den Kiesstränden in der Aggeraue wird regelmäßig gegrillt, obwohl das Betreten allein schon verboten ist. Nie werde ich meine Uferschwalben-Zählung vergessen, bei der mich ein dickbäuchiger Kerl beobachtete und gemählich aus seiner Bierflasche trank. Die Uferschwalben waren eine kleine Sensation damals, da sie eine neue, wertvolle Brutvogelart für die Wahner Heide waren. An exakt derselben Stelle hielten sich an diesem Wochenende Wildcamper auf, die gerade ihre Angeln(!!!) auspackten. Vor zwei Jahren hatten Wildcamper ein übermannshohes Tipi(!) auf einem der Kiesstrände aufgebaut. Das Amt hat das nicht die Bohne interessiert. Im selben Gebiet liegt monatelang Müll auf den Kiesstränden, die das Frühjahrshochwasser oder ein paar Besoffene anschleppen. Derzeit sind es unter anderem zwei Einkaufswagen(!), ein paar Autoreifen und zusätzlich der normale Müll aus Sperrholz, Plastiktüchern und verwehter Kleidung. Es wäre ein leichtes, den gröbsten Müll in einer Arbeitsaktion zu entfernen. Ich würde es sogar machen, aber ich habe weder eine Betretungsgenehmigung noch einen KFZ-Berechtigungsschein für die betreffenden Stellen von den betreffenden Stellen (Ordnungsamt, Untere Landschaftsbehörde, Bundesforst, Bundeswehr).buchen

Im Letzten Jahr zündeten auf einer verlandenden Halbinsel in der Agger ein paar Jugendliche mehrere Feuerwerkskörper. Die dort brütenden Eisvögel habe ich seitdem nicht mehr wiederfinden können. Etwas weiter nordwestlich steht ein kleiner Altar, im Schatten dreier Buchen, die mehrere hundert Jahre alt sind. Ihre Stämme sind so dick, dass meine Armspanne gerade so ausreicht, um ihren Stammdurchmesser zu beschreiben. In alten Bäumen befinden sich oft kleine Baumhöhlen, was ein paar Jugendliche im letzten Jahr zu einem guten Ort für ein Feuerchen auserkoren haben. Die Stichflamme zerstörte einen großen Teil der Baumkrone, so dass sie aus Sicherheitsgründen gekappt werden musste. Der Zentner Holz liegt in große Stücke zersägt neben dem Baumkrüppel, die Baumhöhlen aller Buchen wurden zugemauert(!!!), an einer sieht man noch die Brandspuren. Als Ausgleichsmaßnahme wurde ein winziger Setzling keine 4m entfernt, direkt in den ausladenden Wurzelraum der sterbenden Buche gepflanzt. Der Setzling ist nach wenigen Wochen eingegangen. Auch wenn die zerstörte Buche in diesem Jahr an ihren verbleibenden Ästen mit frischem Grün demonstriert, dass sie noch lebt, bleibt ein fahler Beigeschmack.buche_gemauert

Warum hat das zweitgrößte Naturschutzgebiet Nordrhein-Westfalens keinen vernünftigen Management-Plan? Warum wird bei Regelwidrigkeiten in einem der wichtigsten Vogelschutz-, Naturschutz- und FFH-Gebiete Westdeutschlands nicht mehr Präsenz durch die zuständigen Behörden gezeigt? Warum wird bei derart destruktiven Übergriffen wenn überhaupt, dann außerordentlich stümperhaft reagiert? Wieso werden Schutzgebiete ausgewiesen, wenn in keinster Weise für deren Erhalt gesorgt wird?

Und – schließlich, daraus folgend – welchen Wert haben unsere Naturschutzgebiete?

Ein ganz normaler Regentag

Es gibt Tage, die purzeln so schnell von mag-ich zu un-mög-lich, dass man sich nach dem enthusiastischen Aufspringen um 5.20 Uhr schon beim Zähneputzen fragt, wieso es im Mund plötzlich so seltsam nach Rasierschaum schmeckt. Gestern war so ein Tag. Nach dem sommerlichen Wochenende blickte mich das Wetter sehr bedeckt an, so dass ich mit Shorts und Shirts kurz in’s Grübeln kam. Unsere sexistische Wetteranzeige wollte mich aber – wie fast immer – in Bikini und mit Wasserball losschicken, weil sie in den mächtigen Regenwolken Sonnenschein und Badespaß sah. Wenn draußen dann wirklich sommerliches Wetter ist, ist sie aber oft der Spielverderber, die dicke Wolken, Regenschirm und Cape prophezeit. Unsere sexistische Wetteranzeige schickt einen oft falsch. Daher entschloss ich mich, doch eine etwas andere Kleidung zu wählen, vergaß aber optimistisch den Regenschirm. Das rächte sich 330m vor dem Büro. So kurz vor dem Ziel erwischte mich ein gewaltiger Platzregen, der mich trotz eines veritablen Sprints (Lauf, Forest, lauf!) komplett durchnässte. Den ganzen Tag goss es dann mal mehr mal weniger grimmig, so dass ich auf dem Nachhauseweg schnell noch einen Satz neuer Regenschirme zugunsten einer trockenen Familie kaufte.

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Ärzte-Ping-Pong

Gestern war wieder so ein Tag. Ich war beim Arzt und hatte danach das dringende Bedürfnis, Ping-Pong zu spielen. Dabei ist der Arzt der kleine weiße Ball und man darf so lange drauf hauen, bis er lustig hüpft. Seit langem freue ich mich über jedes positive Erlebnis bei einem Arzt, weil diese so rar sind, und zähle die negativen schon lange nicht mehr. Dabei gibt es sie durchaus, die kompetenten und netten Ärzte – zwei davon wohnen in unserem Haus – nur begegne ich denen fast nie in einer Praxis oder einem Krankenhaus. Read the rest of this entry »

Giraffenzirkus im Zoo

Der Zoo Kopenhagen gönnt sich gerade eine Negativ-Kampagne, die seinesgleichen sucht. Schlachten wir doch einfach mal eine junge Giraffe, die gesund, putzig und munter ist. Machen wir das am besten entgegen aller Vernunft Proteste und vor den Augen weinender Kinder. Und weil’s so schön ist, verfüttern wir den Kadaver dann an die Löwen, Eisbären und alles Raubgetier, was wir so haben. Öffentlichkeitswirksam. Read the rest of this entry »

Schwarzers Schwarzgeld

Alice Schwarzer, der Dagobert Duck unter den feministischen Journalistinnen, stolpert über ein Schwarzgeldkonto in der Schweiz und die Medien sind voll davon. Um es vorweg zu sagen: ich kenne mich nicht aus im Haifischbecken der Aktivistinnen. Ich bin nicht vertraut mit den Diskussionen um modernen Feminismus, Paternalismus oder die streitbaren Positionen Alice Schwarzers. Ich kenne weder ihre Biografie noch all ihre Fehltritte im Detail – genau genommen interessieren sie mich auch nicht sonderlich. Das immer wieder aufflammende reflexhafte Schwarzer-Bashing finde ich ebenso befremdlich wie die teilweise eindimensionalen Darstellungen der Emma. Vor allem in der Prostitutionsdebatte der letzten Monate scheint ein differenzierter Diskurs unmöglich. Polarisierung und Polemisierung  auf allen Seiten. Read the rest of this entry »

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