Kinder machen anspruchslos

Ein kleines Kind macht anspruchslos. Als mich letztens eine Freundin kurz vor einem Besuch bei ihr “ohne Kind“ fragte, was wir Schönes machen wollten, antwortete ich spontan: Ausschlafen! Und durchschlafen! Soweit war es also schon gekommen. Man trifft sich mit Freunden über’s Wochenende um zu schlafen und nicht etwa, um etwas Schönes zu unternehmen, Musik zu hören oder gemeinsam zu kochen. Dabei sind die Schlafbedürfnisse nicht mal die grundlegenden Bedürfnisse, die nicht mehr gestillt werden. Während ich das schreibe, sitzt neben mir ein Berg ungelegter (Kinder-)Wäsche, der deutlich größer ist als ich. Morgen früh würde ich gern meinen Kaffee mal warm trinken. Oder mein Essen aufessen und mein Stück Schokolade nicht heimlich hinter dem Rücken meines Kindes naschen. Gesteigert werden kann das Ganze nur noch mit Baby: Ich würde gern mal wieder in Ruhe und allein auf’s Klo gehen. Oder duschen. Wie oft hab ich mich schon mit Haarwaschmittel eingeseift und mir mit Duschgel die Haare gewaschen. Das ist dramatisch, denn es macht die Haare stumpf und die Haut rissig. Und man hat als junge Mutti ja schon genug damit zu tun, entgegen aller Widrigkeiten noch irgendwie als Frau rüberzukommen und nicht als der Zombie als der man sich fühlt.
Das Duscherlebnis hatte ich auch letzten Sonntag wieder. Ich war allein mit beiden Kindern zuhaus und für Sonntagvormittag zum Brunchen verabredet. Eigentlich ein prima Plan, würde meine Tochter nicht mit 4 Eckzähnen schwanger gehen und mein Sohn nicht nachts alle 2 Stunden Hunger haben. Als um 4 Uhr morgens beide Kinder weinten, verfluchte ich kurz mein Leben. Als ich danach eine Stunde selbst nicht einschlafen konnte, verfluchte ich mich selbst. Mein Kleiner wurde eine halbe Stunde, nachdem ich wieder eingeschlafen war, wach um zu trinken, aber ab einem gewissen Punkt ist man ja für jedes Minütchen Schlaf dankbar. Er schlief nach dem Stillen schnell wieder ein, so dass ich es wagte, duschen zu gehen. Endlich Ruhe, warmes Nass – herrlich! Als dann um 6.30 Uhr beide Kinder gleichzeitig anfingen zu schreien, gerade als ich mich (mit Duschgel!) komplett eingeseift hatte, dachte ich, dass Gott wirklich etwas gegen mich haben müsse.
Der Tag ging genau so weiter.
Während ich den Kleinen wickelte, sprang mir meine große Tochter zwischen den Beinen rum und versuchte, sich aus der Wickelkommode ihre Kleidung zusammen zu suchen. Natürlich musste mein Sohn unbedingt eine Ladung orange-gelber Kacke loswerden und während ich fluchend vom einen Bein auf das andere sprang um auszuweichen, fand meine Tochter es witzig, zwischen meinen Beinen Slalom zu laufen. Ich sah vor meinem inneren Auge schon die Hinterlassenschaften des Babys in ihren langen, blonden Haaren landen, aber wie durch ein Wunder tauchte ihr Kopf immer genau rechtzeitig ab und er traf nur in mehreren Klecksen den Boden und nicht uns. Schnell beseitigte ich das Malheur und wagte es durchzuatmen, als er anfing zu pinkeln. Man sollte sich nicht zu früh in Sicherheit wähnen, vor allem nicht, wenn die neue Windel noch nicht angelegt ist. Also habe ich uns beide noch einmal neu angezogen und dachte, es könne nicht schlimmer kommen.
Ich parkte das Baby in der Babywippe, um mir noch ein wenig die Müdigkeit aus dem Gesicht zu waschen. Plötzlich hörte ich ein scharfes Ächzen meines Jüngsten und erwischte seine Schwester, wie sie versuchte, auch in die Wippe zu klettern und sich dabei mit dem Unterarm auf seinem Bauch abstützte. Sie verstand nicht so recht, warum immer nur ein Kind in die Wippe dürfe und sie sich nicht einfach über dem Baby drapieren könne, erhörte aber mein Bitten. Wir zogen uns an und machten uns auf den Weg. Wie es an solchen Tagen so ist, ging mir natürlich auf dem Weg die Treppe hinunter der Schuh auf. Also schlingerte ich – ein Kind auf dem Arm und eines an der Hand – die Treppe hinunter, die Zehen krampfhaft in die Sohlen meiner Sandale gekrallt, damit ich sie nicht verliere.
Auf dem Weg zu Bäcker sank mein Adrenalinspiegel wieder. Die Sonne schien und es würde ein schöner Tag werden. Wir würden nur noch Brötchen holen, bevor wir mit Freunden ganz gemütlich brunchen könnten. Ich manövrierte mein Kinderwagen-Buggyboard-Gefährt unter Anstrengung in den Bäcker und bestellte sieben Brötchen, zwei Weckchen und drei Croissants. Der Verkäufer schaute mich an, als wär ich ein wenig blöde. Intern ging ich kurz meine Checkliste durch: Wir waren alle gekämmt, mit sauberen Gesichtern, hatten Zähne geputzt, Sandalen statt Hausschuhen an und auch den Schlafanzug gegen Straßenklamotten getauscht. Also erwiderte ich souverän, dass ich sieben Brötchen, zwei Weckchen und drei Croissants wollte. Er erwiderte: „Sieben Brötchen? Zwei Weckchen? Drei Croissants???“ begleitet von einem Blick, als sei ich unglaublich dämlich. Solche Blicke kann ich aber besser und bedeutete ihm mit den Augen, dass ER wohl unglaublich dämlich sei und wiederholte gaaaanz langsam: „Jaaaa – sieben – Brötchen – zwei – Weckchen – und – drei Croissants!“ In dem Moment fiel bei uns beiden der Groschen, woraufhin sich der Verkäufer beeilte, die Ware einzupacken und ich leise grinsen musste. Ich hatte gesagt: „Sieben Brötchen – Komma – zwei Weckchen – Komma – drei Croissants.“ Und er hatte verstanden: „Sieben Brötchen – Doppelpunkt – zwei Weckchen – Komma – drei Croissants.“, hatte im Kopf zusammengerechnet und war mit zwei Weckchen und drei Croissants nicht auf sieben gekommen. Manchmal ist es eben auch für einen Bäckerverkäufer schwierig, zu entscheiden, wo das Brötchen aufhört und das Croissant anfägt. Aber wahrscheinlich hat er einfach auch kleine Kinder, die ihn nicht genügend schlafen lassen.

One Response to “Kinder machen anspruchslos”

  1. Ganayan

    *grinst* Da hast du ja Glück, dass deine Größere so brav ist, und den Geschossen obendrein noch so fein ausweichen kann ^^

    Es war aber total schön bei Euch 🙂