Kompetenzzentrum Köln – Endstation Kindswohl

Ich will einmal zusammenfassen, was es Neues von der Front zu berichten gibt. Wir haben einen Kita-Platz. Nein, zwei sogar!

Am 5.06. 2013 bekamen wir vom Jugendamt Köln ein Schreiben und schon als ich den Briefumschlag ungeöffnet in der Hand hielt, hatte ich eine böse Vorahnung.  Ich traute mich gar nicht, ihn auf zu machen. Da einfach nicht lesen nichts an den Tatsachen ändert, öffnete ich ihn doch. In den Briefen wurde uns mitgeteilt, dass beide Kinder in der städtischen Kindertageseinrichtung Escher Straße 152 aufgenommen werden. Abschließend der Hinweis auf 150€ Betreuungsgeld bei Betreuung zu hause. Und natürlich die Rechtsbehelfsbelehrung: Innerhalb eines Monats kann Klage erhoben werden. Widerspruch? Beschwerde? Kikifax. Wenn schon, dann gleich ein Rechtsstreit.

Ich war erstarrt, irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und Unglauben. Zwei Plätze, tatsächlich….aber Escherstraße – wo ist das gleich? Auf jeden Fall nicht in der Nähe.

Ich schaute auf der Karte nach und tatsächlich. Viel weiter weg konnte die Kita von uns aus gesehen kaum liegen – gut, die andere Rheinseite wäre noch gegangen.Bildschirmfoto 2013-07-29 um 12.33.07

Entfernung mit Rad oder zu Fuß: über 6km. Mit Kleinkindern also unmöglich per Fuß zu erreichen. Mit der Bahn? Möglich. Reine Fahrtzeit über 20 Minuten und mit Fußwegen zu den Haltestellen wären wir für eine Strecke mindestens 45 Minuten(!) unterwegs. Im Kölner Berufsverkehr und bei der „Zuverlässigkeit“ der KVB eher mehr. Wenn man dann bedenkt, dass mein Mann und ich noch mit ÖPNV in andere Städte pendeln, u.a. in die entgegengesetzte Richtung nach Bonn, kann man sich ausrechnen, wie lang der tägliche Arbeitsweg wird. Und zwar nicht nur für die Eltern. Sondern auch für die Kinder.

Das Jugendamt Köln findet es tatsächlich zumutbar, für einen 1jährigen Jungen und ein 3jähriges Mädchen täglich eineinhalb Stunden zur Kita zu pendeln. Es ist zumutbar, dass die Kinder total aus dem sozialen Umfeld in ihrem Stadtviertel herausgerissen werden. Keine wohnortnahen Freunde aus der Kita – wozu auch? Es ist zumutbar, dass die Kinder einer Kita untergebracht werden, die 2009 wegen Baufälligkeit geschlossen wurde. Nach notdürftiger Sanierung wurde dann im April dieses Jahres die Wiedereröffnung der Kita durchgepeitscht, damit „über gebliebene“ Kinder aus anderen Stadtteilen aufgefangen werden können. Denn wir sind nicht die einzigen, die diesen langen Weg zurück legen sollen. Mindestens zwei weitere Familien aus Sülz haben dieses „Platzangebot“ bekommen. Dabei gibt es bei uns im Umkreis von 1km – also fußläufig – mindestens 4 städtische Kitas.

Da man mit der Stadt Köln nicht auf normalem Weg kommunizieren kann, war für uns der Zeitpunkt erreicht, einen Anwalt einzuschalten. Ich war buchstäblich am Ende. Dass der Anwalt das Zepter in die Hand nahm, hat eine riesige Last von meinen Schultern genommen. Nicht mehr bei diesen inkompetenten Vollidioten an der Hotline anrufen zu müssen, nicht weiter gegen Wände zu reden, nicht weiter vollkommen ignoriert zu werden in seiner Not – was für eine Wohltat. Ich bin wirklich kein Duckmäuser oder schwache Person. Aber das Jugendamt Köln hat es über die Monate wirklich geschafft, mich nahezu komplett zu zermürben.

Unser Anwalt stellte einen Eilantrag für eine einstweilige Verfügung auf Zuweisung eines wohnortnahen Kindergartenplatzes. Außerdem wurde Klage eingereicht und es ging ein Schreiben an die Stadt Köln, dass wir an einer außergerichtlichen Einigung interessiert seien. Darauf hat die Stadt Köln nie reagiert. Um die Sache abzurunden, hat unsere Rechtsschutzversicherung sich geweigert, die Kosten zu übernehmen. Als wir diese letztes Jahr abschlossen, wurde Verwaltungsrecht aus dem Versicherungsschutz herausgenommen. Klar: die Versicherung hat auch gesehen, welche Klagewelle da in diesem Jahr mit dem Rechtsanspruch losrollen wird. Nur: Uns hat die Versicherung die geänderten Vertragsbedingungen nie vorgelegt. Ohne Verwaltungsrecht hätten wir nie eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen – das wäre angesichts der Kitaplatzlage in Köln mit zwei U3-Kindern auch idiotisch gewesen. QED.

Nun, die Versicherung stellt sich quer; ob und wie wir den Spaß bezahlen werden, wird sich noch zeigen.

Mit dem Eilantrag hatte ich große Hoffnung. Alles wird gut. Ich habe das Thema abgehakt und mich nicht mehr darum gekümmert. Das einzige, was ich weiter tat, war jede Woche bei Fröbel anzurufen. Die Kita, die bei uns um die Ecke neu eröffnet werden soll. Ursprünglich für August geplant, mittlerweile sind sie bei Eröffnung September, unter Vorbehalt. Jede Woche ließ ich mich weiter abwimmeln, dass die Entscheidung in ein bis zwei Wochen fällt. Keine große Hoffnung an dieser Stelle.

Als das Verwaltungsgericht bei allen Mandanten unseres Anwalts die Fristen für die Eilanträge verstreichen ließ, wurden wir panisch. Als hätten sich Jugendamt und Verwaltungsgericht abgesprochen, was ich in Köln wirklich nicht für unmöglich halte, wurden die Fälle der prekären Kitaplätze nicht bearbeitet. Keine Chance, sich dagegen zu wehren. Willkommen im Rechtsstaat Deutschland. Eine Woche nach Fristende tat sich nichts, zwei Wochen nach Fristende tat sich nichts. Weder vom Jugendamt Köln noch vom Verwaltungsgericht war irgendeine Äußerung zu hören. Unser Anwalt hatte genauso viel erreicht wie ich: nichts. Gute zwei Wochen vor Start des Kita-Jahrs am 1. August wurden Eltern ohne Kitaplätze vollkommen in der Luft hängen gelassen.

Aussicht auf Betreuung: ungewiss. Aussicht auf Arbeit: ungewiss. Zukunft: ungewiss.

Durch Zufall hörte ich, dass in der Kita von Lieschens bester Freundin noch einmal freie Plätze vergeben wurden und auf gut Glück füllte ich das Online-Formular aus. Einen Tag später bekamen wir für beide Kinder einen Platz angeboten. Geschwisterbelegung – zwei Plätze nehmen oder keinen. Die Kita ist relativ weit weg, mit ÖPNV nicht sehr gut zu erreichen und kostet ein ganzes Stück mehr als eine städtische Kita. Vorteilhaft ist natürlich, dass sie nagelneu ist mit bester Ausstattung, mitten in einem großen Park gelegen und dass Lieses Freundin auch dorthin geht. So hätten die Mädchen direkt eine Freundin und die Eltern ein gegenseitiges Backup im Notfall.

Der Anwalt riet uns dringend, diesen Platz anzunehmen, denn just hatte sich das Jugendamt per Anwalt gemeldet. Die Kitaplatz-Zuteilung wurde als absolut zumutbar angesehen und die Stadt Köln wäre bereit, das mit uns vor Gericht auszufechten. Ich war geschockt vom Vorgehen des Jugendamtes und die Ansage traf mich wie ein Schlag. Ich hätte eher damit gerechnet, dass sie die Sache einsehen – dass diese Entfernung für eine Familie ohne Auto, die in andere Städte pendelt, wirklich nicht machbar ist. Nein. Das Jugendamt Köln setzt weder auf das Kindswohl, noch auf intakte Familien. Dann müssen die Kinder eben eineinhalb Stunden täglich pendeln und haben keine Freizeit mehr. Was soll’s?

Wir haben den Platz bei der Kita Mare angenommen. Wir wissen noch nicht genau, wie wir die Entfernung (über 3km) und die finanzielle Belastung (über 350€ monatlich mehr) wuppen sollen. Aber: Wir haben zwei Kitaplätze. Wen interessiert, was Kinderbetreuung in Köln in Zahlen bedeutet: unsere monatlichen Ausgaben für Kinderbetreuung werden sich ab August auf ca. 650€ belaufen. Damit sind beide Kinder mit einem Vollzeitplatz (45 Stunden) versorgt. Bisher hatten wir knapp denselben Betrag bei der Tagesmutter bezahlt. Damit war nur ein Kind, Lieschen, für 25 Stunden/Woche untergebracht.

Ich habe übrigens aus Spaß weiter bei Fröbel angerufen, man weiß ja nie. Und irgendwie ist mir die Frau Sch. auch ein bisschen ans Herz gewachsen über die Monate. Letzte Woche, also schon gut Ende Juli, haben wir einen Platz für Lieschen bekommen. Es dürfen auf einmal keine Kinder unter zwei Jahren mehr aufgenommen werden, deswegen hat Fefe keinen Platz bekommen. Ich hatte heute ein sehr nettes, langes Gespräch mit einer Dame von Fröbel, die uns nun auf der Warteliste für nächstes Jahr führt. Generell hat Fröbel den Auftrag durch die Stadt viel zu spät – erst Mitte April – bekommen. So dass es nun fast unmöglich war fristgerecht Innenausstattung und Personal zu bekommen. Es gibt ja auch so etwas wie Lieferfristen für Möbel und Kündigungsfristen für wechselndes Personal.

In der neuen Fröbel-Kita sind noch 23 Plätze unbelegt. Die sollen aber an Kinder vergeben werden, die über 3 sind. Die Plätze werden vermutlich nun frei bleiben. Die Kita hat von der Stadt Köln die Auflage, nur 12 U3-Plätze anzubieten und diese nur an 2-jährige zu vergeben. Fröbel würde – dem Bedarf entsprechend – sehr, sehr gern 1jährige aufnehmen. Aber: Es ist ihnen von der Jugendhilfe der Stadt Köln untersagt worden. Die Dame war selber fassungslos, wie man so am Bedarf vorbeiplanen kann, wenn einem doch jährlich alle Daten der Neugeborenen vom Einwohnermeldeamt übermittelt werden.

So wird die neue Fröbel-Kita hoffentlich bald die Tore öffnen. Mit 23 freien Plätzen und einer langen Warteliste an Kindern, die nicht auf diese Plätze dürfen.

Ich denke immer, sprach- und fassungsloser kann ich beim Thema Jugendamt Köln nicht werden. Dann höre ich eine weitere Geschichte und bin genau das.

Sprachlos. Fassungslos.

 

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