No Kid Area

Gestern war ich mit ein paar Freundinnen essen und das Gespräch kam auf eine gemeinsame ehemalige Kollegin, die nun einen gut 1-jährigen Sohn hat. Im Urlaub, beim Einchecken ins Hotel, wurde der kleinen Familie mitgeteilt, dass in diesem Hotel Kinder nicht erwünscht seien und sie wurden gebeten zu gehen. Natürlich entbrannte sofort eine Diskussion. Dass so etwas ja direkt bei der Buchung schon mitgeteilt werden müsste und eigentlich ja nur geht, wenn es im Ort andere Alternativen gibt. Meinem Einwand, dass es eigentlich unter gar keinen Umständen geht, wurde entgegen gehalten, dass man ja schon verstehen könne, wenn jemand im Urlaub Ruhe wollte und kein Kindergeschrei. Letztendlich wäre es ja die Nachfrage, die der Markt bediene und das wäre vollkommen legitim. Ich beließ es dabei, denn ich merkte sofort, dass wir bei der Diskussion keinen gemeinsamen Nenner finden würden, sondern nur Streit.  Irgendwann kommt man in das Alter, in dem man dem Anderen einfach mal seine Meinung lassen kann, auch wenn man sie nicht teilt – und ich bin jetzt ja immerhin 30.

Dennoch: Das Thema lässt mich nicht los, denn ein Wort schwebt seit gestern Abend in meinem Kopf und das heißt: Diskriminierung.

Denn das ist es ganz klar. Ich bin mir 100%ig sicher, dass es in diesem Land einen Markt für Hotels gibt, in denen Türken nicht erwünscht sind. Oder Homosexuelle. Oder Behinderte.

Ich persönlich würde liebend gern Urlaub ohne diese nervigen alten Leute machen, die sich um 10 Uhr morgens einen Sekt aufmachen und dann eine Gänseschnatterrunde starten, bei der es einem vor Lautstärke und geistiger Beschränktheit die Zehennägel aufrollt. Komischerweise ist ein Hotel, das Ausländer verweist undenkbar. Ein Hotel mit Behindertenverbot? Um Gottes Willen!

Warum findet unsere Gesellschaft das Ausschließen anderer Kulturen, Religionen oder Liebesformen eigentlich politisch inkorrekt und das von Kindern legitim?

Wir haben zu wenige Kinder, lautet die oft bemühte Begründung. In Deutschland seien Kinder eher die Ausnahme als die Normalität geworden. Ich habe schon öfter über meine Erlebnisse im Familienalltag geschrieben, die ich teilweise als sehr kinder- oder familienfeindlich empfand. Dabei denke ich, dass böser Willen nicht so oft die Ursache ist wie schlichte Ignoranz, Empathielosigkeit und Unwissenheit. Ja, es gibt Gegenden, die sogar in der Großstadt nahezu kinderfrei sind. Kein Wunder, dass es eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen von Familien oder Kindern gibt. Kein Wunder also, dass Kinderlärm für viele Mitmenschen etwas ist, das man abstellen können muss. Sie gehören für einen großen Teil der Mitglieder unserer Gesellschaft nicht zum Alltag. Deswegen muss man sie ausblenden können, wenn man will.

Ich will jetzt gar nicht groß die Geburtenstatistik bemühen, die berühmten 1,3 Kinder pro Frau. Die kennt mittlerweile jeder. Es entscheidet sich längst nicht mehr jedes Paar für Kinder und es steht keinem zu, über diese Entscheidung zu urteilen. Die Politik sieht das anders. Die schämt sich nicht zu sagen, dass die Kinder eben die Falschen kriegen, nämlich die Asozialen und Ausländer. Eigentlich hätte die Politik aber lieber ein anderes A: die Akademiker. Und fördert das mit Elterngeld, Kindergeld, Herdprämie und mal sehen, was ihnen als nächstes einfällt.

Dabei ist diese Feststellung zutiefst erniedrigend für alle Seiten. Für die Kinder, die nicht besser oder schlechter, wertvoller oder wertloser sind, je nachdem von welchem „A“ sie nun kommen. Für die Akademikerinnen, die zwar hoch ausgebildet, aber doch lieber als die Gebärmütter der Nation gewünscht sind. Für die Asozialen und Ausländer, die zwar geduldet und vom sozialen Netz (falls nötig) aufgefangen werden – aber fortpflanzen? Nicht so viel, bitte! Mehr brauchen wir von euch dann doch nicht. Und nicht zuletzt – natürlich für den Esel, der sich genau dann offenbart, wenn er den Mund aufmacht.

Ich denke nicht, dass es nur eine Frage der Kinderarmut ist, dass Deutschland auch kinderfeindlich ist. Das Gegenteil haben andere, kinderarme Nationen schon zu genüge bewiesen. Ich denke, dass eine ziemlich verdrehte Einstellung gegenüber dem „Ding Kind“ ist. Ideologisch total überladen, unrealistisch. Mentalität? Keine Ahnung. Aber ich wüsste es wirklich gern, warum es in diesem Land so verdammt viele Kinderfeinde gibt.

Ich bin auch ein Feind, genau genommen. Von diesen nervigen Alten (nicht den Netten!), von Nazis, von den meisten Hundebesitzern, von Fliegen und Wespen, von unfreundlichem Servicepersonal, von Arbeitsamtmitarbeitern und – na klar! – vom Jugendamt Köln.

Ich bin auch Demokratin und lebe in einer pluralistischen Gesellschaft. Klar würde ich meinen Urlaub lieber ohne die nervigen Alten und das Naturschutzgebiet ohne die Hundebesitzer genießen. Der Unterschied: ich kann sie trotzdem tolerieren und sperre sie nicht aus. Will ich auch gar nicht. Ich bin nämlich erwachsen und komme damit klar, wenn jemand lauter, leiser, dunkler, heller oder religiöser ist als ich.

Wir haben die Größe mit völlig Fremden Kulturen und Religionen nebeneinander zu leben. Es wird Zeit, dass wir diese Größe auch gegenüber den Kleinsten zeigen.

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