Schwarzers Schwarzgeld

Alice Schwarzer, der Dagobert Duck unter den feministischen Journalistinnen, stolpert über ein Schwarzgeldkonto in der Schweiz und die Medien sind voll davon. Um es vorweg zu sagen: ich kenne mich nicht aus im Haifischbecken der Aktivistinnen. Ich bin nicht vertraut mit den Diskussionen um modernen Feminismus, Paternalismus oder die streitbaren Positionen Alice Schwarzers. Ich kenne weder ihre Biografie noch all ihre Fehltritte im Detail – genau genommen interessieren sie mich auch nicht sonderlich. Das immer wieder aufflammende reflexhafte Schwarzer-Bashing finde ich ebenso befremdlich wie die teilweise eindimensionalen Darstellungen der Emma. Vor allem in der Prostitutionsdebatte der letzten Monate scheint ein differenzierter Diskurs unmöglich. Polarisierung und Polemisierung  auf allen Seiten.

Nachdem das Schwarzgeldkonto von Frau Schwarzer durch die Medien tickerte, folgte direkt ihre Stellungnahme bei der Emma und auf ihrer Homepage. Diese zeugt von vielem: von Größe oder Unrechtsbewusstsein aber ganz sicher nicht. Man muss kein Einstein sein, um zu überschlagen, dass auf Schwarzers Schwarzgeldkonto mehrere Millionen liegen, wenn die Versteuerung allein der Zinsen sich in 10 Jahren auf rund 200.000€ beläuft. Und ganz in der Tradition ertappter Großverdiener wie Hoeneß und Konsorten liefert sie nicht nur fadenscheinige Begründungen sondern relativiert auch Ausmaß und Bedeutung ihrer Tat. In ihrer Stellungnahme greift sie nicht nur berichtende Journalisten an, sie stilisiert sich auch selbst als Opfer und stellt ihre Schuld letztlich mit ihrer Strafzahlung als vollkommen beglichen dar – auch wenn das Konto seit 30 Jahren besteht und ihre Nachzahlung nur die letzten 10 Jahre betrifft. Leugnung | Bagatellisierung | Täter-Opfer-Umkehr. Ein Lehrstück in Sachen Täterpsychologie, geschmeidig vorgeführt von – ausgerechnet- Alice Schwarzer!

Natürlich sollte man die Affäre nicht nur negativ sehen. Lakonisch wurde auf Twitter angemerkt, dass es „ein gutes Signal für Emanzipation [sei], dass Frauen Steuern von selbsterarbeitetem Geld hinterziehen“ (@kittykoma). Positiv ist (für sie) weiterhin, dass sie mit ihrer Selbstanzeige und Nachzahlung der Strafverfolgung entgeht. Ein juristisches Konstrukt, das einzig Steuerbetrügern vorbehalten ist. Es ist schon sehr ironisch, dass sich die Diskussion über Regulierung der Prostitution im Land monatelang im Kreis dreht.  Die Missstände seien schwer zu bekämpfen, da die eigentlichen Drahtzieher kaum greifbar sind. Die Meldemoral beteiligter Freier und wissender Prostituierter sei zu schlecht – unter anderem, weil die passenden juristischen Konstrukte fehlen und unmöglich zu schaffen seien. Dass dies sehr wohl möglich ist, (wenn man will) aber eben nur für die passenden Personen und Sachverhalte zeigt nun sehr eindrücklich – ausgerechnet! – Alice Schwarzer.

Da das Kind nun in den Brunnen gefallen ist, überschlägt sich die mediale Häme, die immer dann einsetzt, wenn eine moralische Instanz öffentlichkeitswirksam über ihre eigenen Maßstäben strauchelt. Dass Schwarzer damit nicht Opfer einer Hetzjagd, sondern ein Rädchen im Getriebe aus Podium und Publikum ist, illustrieren die Fälle der Vergangenheit, wie z.B. die Grass-Pirouette. Dabei finde ich die Doppelmoral Schwarzers weder sehr überraschend noch sehr erschütternd. Wer ein überladenes Wertesystem mit Absolutheitsanspruch vertritt, muss früher oder später an sich selbst scheitern. Menschlich, denn jeder ist letztlich nur das Ergebnis seiner Erlebnisse und Taten.

Das Glaubwürdigkeitsproblem Alice Schwarzer ist für mich viel tiefgreifender und umfassender. Die Dame verkauft sich als Stimme der Armen und Unterdrückten, symbolisiert die gebildete Mitte der Gesellschaft – und gehört aber zu den wohlhabenden oberen 5% der Gesellschaft, die so gut wie jedes Problem mit Geld lösen können. Egal ob es nun astronomische Mieten und Kinderbetreuungskosten in Großstädten, Leben am Existenzminimum oder die verordnete Kinderlosigkeit homosexueller Paare ist.

Bei der Einordnung der Thesen und Kampagnen Alice Schwarzers, bei der Einschätzung ihrer feministischen und gesamtgesellschaftlichen Schlagkraft, wird das in Zukunft für mich eine große Rolle spielen. Die (doppel)moralisch aufgeplusterte Person Schwarzer hat an Integrität und Authenzität auf einer Ebene verloren, die weit über die üblichen persönlichen Widersprüche, Polemisierungen und Eindimensionalitäten hinausgehen.

Für mich wird immer die Frage bleiben:

Was weiß eine unanständig reiche, kinderlose Person wie Alice Schwarzer über meine Lebensrealität?

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