Ärzte-Ping-Pong

Gestern war wieder so ein Tag. Ich war beim Arzt und hatte danach das dringende Bedürfnis, Ping-Pong zu spielen. Dabei ist der Arzt der kleine weiße Ball und man darf so lange drauf hauen, bis er lustig hüpft. Seit langem freue ich mich über jedes positive Erlebnis bei einem Arzt, weil diese so rar sind, und zähle die negativen schon lange nicht mehr. Dabei gibt es sie durchaus, die kompetenten und netten Ärzte – zwei davon wohnen in unserem Haus – nur begegne ich denen fast nie in einer Praxis oder einem Krankenhaus.

Gestern war ich in der chirurgischen Sprechstunde in Evangelischen Krankenhaus Weyertal in Köln. Der Grund ist so banal wie schmerzhaft. Mein linker Zeh hat sich folgendes in den Kopf gesetzt: Wenn die Schickse sich da immer so töfte in ihrn Kleidan und Röckn dreht, kann ick dit ooch. Und no viel besser, wa?!

Also gab mir meine Hausärztin eine Überweisung dort hin zur Diagnose und Ablärung einer OP-Indikation. Der Termin, Donnerstag 13.30h, wurde mir von der Sekretärin angeboten und ich nahm ihn gern, in der Hoffnung nicht so lang warten zu müssen. Also setzte ich einen Tag Home Office an und fuhr hin, setzte mich ins Wartezimmer und wartete. Als nach einer Stunde gerade mal zwei Leute aufgerufen waren, wurde ich etwas zappelig. Es wurden dann noch etliche vor mir eingeschoben, bis ich 15.00h endlich aufgerufen wurde. Ich hatte die Tür noch nicht hinter mir geschlossen, da bellte mir die Ärztin schon zu, ich solle mal meinen Fuß zeigen. Danach fielen dann auch Begrüßung und Vorstellung. Nach einem sehr intensiven, ausführlichen Blitzblick von einer Sekunde hatte sie ein Urteil gefällt und wollte mich zum Röntgen schicken. Ich fragte, wie lange das wohl dauern würde. Und sie fragte mich verständnislos, ob ich keine Zeit hätte. Als ich sagte, dass ich schon eineinhalb Stunden wartete und es eng würde mit Kinder abholen, sollte das Röntgen noch einmal so lange dauern, fragte sie, ob ich denn auch mal vormittags könne. Auf meine Antwort, ich müsste halt auch arbeiten, ne, schaute sie total verblüfft. Scheint für Ärzte wirklich unvorstellbar zu sein, dass man Medizinisches nicht innerhalb der Arbeitszeit regeln kann. Nachdem ich mit Röntgen und erneutem Warten noch einmal eine halbe Stunde herum gebracht hatte, wurde mir erklärt, dass man da nur operieren könne, weil und überhaupt und so. Chirurgen halt. Dabei hat mich vor allem die fehlende Aufklärung geärgert – ich musste der Frau wirklich jede Info aus der Nase ziehen. Nach Risiken, (auch langfristigem) OP-Erfolg, Zeitplan oder alternativen Behandlungsmethoden. Ich kam mir dann selber schon ganz penetrant vor, weil ich sie so löcherte – aber die Frau Doktor hat wirklich keinen Satz von sich aus gesagt. Als ich ging, war ich kaum schlauer als vorher. Die physiotherapeutische Behandlungsmethode, nach der die Ärztin mich aufforderte „mal zu googeln, wer das in Köln so macht“, hatte ich bis zuhause vergessen, mein Fehler. Und von wem ich dafür ein Rezept bekommen könnte oder ob ich die Kosten selber tragen müsste – dazu war die Ärztin völlig ahnungslos. Dabei hat sie, wie sie im laufe des Gespräches durchblicken ließ, genau dasselbe Problem am Fuß wie ich – nur noch viel weiter fortgeschritten!

Ich würde so gern schreiben, dass dieser Eindruck von mangelnder Kompetenz und Empathie zum Glück ein Einzelfall ist. Leider ist es genau anders herum. Meine Erfahrungen mit Ärzten summieren sich mittlerweile auf einen so großen negativen Berg (Oxymoron, ha!), dass ich mir langsam Gedanken mache, ob ich mir nicht zum Spaß mal eine ausgewachsene Weißkittelphobie zulegen sollte. Als Kind wurden mir mehrere Zähen gezogen, einer davon ohne wirksame Betäubung (der Zahnarzt hat mir nicht geglaubt, dass es noch ziept). Beim Blutabnehmen gibt es jedes mal ein Riesendrama, weil ich leicht klapprige Venen habe, die Geübte zwar ohne größere Probleme treffen. Aber oft muss auch mehrfach gestochen werden. Die Krönung war 3mal linker, 3mal rechter Arm, mehrfach Fuß und letztlich Blutabnahme aus der Hand. Davon muss man sich als Teenager mit leichten Stimmungsschwankungen auch erst mal erholen.

Mit Frauenärzten erlebt man ebenfalls schöne Geschichten. Während der Schwangerschaft wird man alle 4 Wochen auf die Waage gestellt, was zur Prognose der Kindesentwicklung und Früherkennung einer Schwangerschaftsvergiftung auch sicher (in bestimmtem Rahmen) sinnvoll ist. Nur der Rattenschwanz, den das nach sich zieht. Jedes mal wurde ich angemacht, ich würde zuviel abnehmen – dabei war ich wegen Hyperemesis arbeitsunfähig geschrieben. Zusätzlich zu meiner Unfähigkeit zu essen und der lähmenden Übelkeit wurde ich von meiner Ärztin nicht ermutigt oder bestärkt – mir wurde jedes mal mit Krankenhaus gedroht, wodurch ich mich natürlich gleich viel besser gefühlt habe. Als ich dann endlich wieder essen konnte und (zum Glück!!) recht schnell etwas zunehmen konnte, landete ich dann tatsächlich im Krankenhaus, zur Abklärung einer Schwangerschaftsvergiftung. Dabei hatte ich kein weiteres Symptom wie zu hohen Blutdruck, Wasser oder Eiweiß. Weil ich nichts besseres zu tun hatte, hing ich dann eben einen Tag im Krankenhaus rum. Scheinbar können Ärzte sich wirklich nicht vorstellen, dass man seinen Tag auch anders verbringen kann als zwischen weißen Kitteln.

Kinderärzte dagegen sind ein Thema für sich, bei dem ich allerdings deutlich weniger Spaß verstehe. Erst gestern erzählte mir eine gute Freundin, eine Assistenzärztin hätte nächste Woche ihre Töchter wegen des Urlaubs gegen Hepatitis A impfen wollen. Die Kleinere ist gerade mal 9 Monate alt – der Impfstoff ist für Kinder unter einem Jahr aber gar nicht zugelassen, wie der Praxischef glücklicherweise noch bemerkt hat. Unsere Kinderärztin, mit der wir sonst aber voll zufrieden sind, hat mir einmal sehr, sehr krude Vorschläge gemacht, als ich von meiner Arbeit im Bereich Lebensmittelsicherheit erzählte. Ob man das Fleisch denn nicht einfach impfen könne, gegen Pathogene und Verderbsorganismen. Ich war so geschockt darüber, dass da das absolute Grundverständnis für eine Impfung und eine funktionierende Immunreaktion fehlten, dass ich gar keine passende Antwort parat hatte.

Und in meiner Heimatstadt, in der wir letzten Herbst nach einem Augenunfall ganz gern mal zu einem Kinderarzt gegangen wären, ist die Dichte an Kinderärzten so gering, dass man am besten direkt ins Krankenhaus fährt und einen Tag warten einplant. Dort kamen, durch Ausfall zweier Ärzte, auf 45.000 Einwohner gerade zwei(!) Kinderärzte. Sonst sind es immerhin üppige vier Kinderärzte – in einer Universitätsstadt! Von diesen zwei aktiven Ärzten nahm sich dann eine noch das Privileg heraus, nur Privatpatienten zu behandeln. Große Freude auf allen Seiten.

Mal davon abgesehen, dass die zwei Versicherungsmodelle nicht meiner Vorstellung einer gerechten Gesellschaft entsprechen, wünsche ich mir von jedem Arzt adäquat behandelt zu und kompetent beraten zu werden. Ich könnte noch Seiten zur Bevorzugung von Privatpatienten schreiben, aber das würde den Rahmen sprengen. Ganz davon ab, sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass alle Patienten gleich und nach bestem Gewissen behandelt werden. Es kann nicht angehen, dass ein Arzt nicht nur den Tonfall und Ausdruck seines Gespräches ändert, sondern auch die ganze Diagnose(!!!), wenn er bemerkt, sein gegenüber habe die Grundzüge der menschlichen Anatomie und Physiologie im Kopf. So manches Nachhaken von mir hat dem Gespräch eine vollkommen andere Richtung gegeben, als der Arzt bemerkte, ich habe nicht nur ein naturwissenschaftliches Grundstudium, sondern sogar Biologie im Hauptfach studiert. Genau dieser Fakt macht doch offensichtlich, dass nicht nur mit unserem Gesundheitssystem einiges im Argen liegt – sondern auch mit denen, die es an vorderster Front umsetzen.

2 Responses to “Ärzte-Ping-Pong”

  1. Michou

    Oha, darüber könnte man nochmal drei Tage sprechen und käme zu keinem guten Ende. Privat/gesetzlich habe ich bei ein und demselben Arzt und zwei Schwangerschaften ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die – soviel Anstand hatte er – doch immerhin momentan beschämten, als ich ihn darauf ansrpach. Aber das führt jetzt leider zu weit…

  2. Gahi

    Wenn man so einen direkten Vergleich hat, ist das natürlich noch mal eine ganz andere Nummer. Schade, dass sich die negativen Erfahrungen nicht nur bei mir häufen…