Ein ganz normaler Regentag

Es gibt Tage, die purzeln so schnell von mag-ich zu un-mög-lich, dass man sich nach dem enthusiastischen Aufspringen um 5.20 Uhr schon beim Zähneputzen fragt, wieso es im Mund plötzlich so seltsam nach Rasierschaum schmeckt. Gestern war so ein Tag. Nach dem sommerlichen Wochenende blickte mich das Wetter sehr bedeckt an, so dass ich mit Shorts und Shirts kurz in’s Grübeln kam. Unsere sexistische Wetteranzeige wollte mich aber – wie fast immer – in Bikini und mit Wasserball losschicken, weil sie in den mächtigen Regenwolken Sonnenschein und Badespaß sah. Wenn draußen dann wirklich sommerliches Wetter ist, ist sie aber oft der Spielverderber, die dicke Wolken, Regenschirm und Cape prophezeit. Unsere sexistische Wetteranzeige schickt einen oft falsch. Daher entschloss ich mich, doch eine etwas andere Kleidung zu wählen, vergaß aber optimistisch den Regenschirm. Das rächte sich 330m vor dem Büro. So kurz vor dem Ziel erwischte mich ein gewaltiger Platzregen, der mich trotz eines veritablen Sprints (Lauf, Forest, lauf!) komplett durchnässte. Den ganzen Tag goss es dann mal mehr mal weniger grimmig, so dass ich auf dem Nachhauseweg schnell noch einen Satz neuer Regenschirme zugunsten einer trockenen Familie kaufte.

Für die Kinder packte ich Gummistiefel und Regenschirme ein, um sie abzuholen und danach direkt ein Geschenk für den Kindergeburtstag überübermorgen zu besorgen. Natürlich vergaß ich in meinem regnerischem Eifer ein paar Süßigkeiten oder Obst zur Bestechung. Und so heulte und jaulte mein 2jähriger im Fahrradanhänger ob dieser groben Ungerechtigkeit – keine Nascherei beim Abholen aus dem Kindergarten. Frechheit.

Zum Glück hob sich die Stimmung, als ich das Fahrrad abstellte und beide Regenschirme heraus holte. Wir machten uns auf den Weg zur Buchhandlug. Zwei Zwerge mit aufgespannten Regenschirmen; Fußgänger, die voller Ehrfurcht zur Seite weichen. Ich dachte gerade, dass es jetzt aufwärts gehen könnte mit diesem Tag, so kurz vor Ende wär‘ das ja mal drin. Während Lieschen schon fast am Laden angekommen war, kämpfte Fefe zunehmend mit seinem Schirm. Er fiel vor oder hinter ihn, stach ihm in die Augen; all das begleitet vom wohligen Quengeln meines Sohnes. Zusammenklappen durfte ich den Schirm nicht, tragen durfte ich ihn auch nicht – wir einigten uns 10m vor der Buchhandlung darauf, dass ich den Fefe tragen müsste, damit er den Schirm tragen konnte. Unnötig zu erwähnen, dass es natürlich handfeste Diskussionen gab, warum der Regenschirm zu schließen ist, wenn man einen Laden betritt.

Da man als Mutter Fähigkeiten erwirbt, die jeden Diplomaten erblassen lassen, standen wir endlich, nachdem wir erfolgreich an dem Karussell mit den Flummis, Gummitieren und Quietschenten vorbeigekommen sind, vor dem Bücherregal. Liese begann sofort alle pinken Bücher einzusammeln mit der Begründung, das ihre Freundin Lena auf jeden Fall ein Lillifee-Buch bräuchte. Zum Glück konnte ich ihr alle, bis auf eins, wieder abnehmen, zurückstellen und erklären, dass man nicht einfach alles ausräumen könne, wie man wolle. Da fiel mein Blick auf meinen Sohn, der sich ein sehr schönes, großes Buch ausgesucht und auf den Boden gelegt hatte. Mit seinen Gummistiefeln hatte er sich darauf gestellt, schön jeden Fuß auf eine Seite und schaute mich stolz an. Ich hatte ihn gerade angefaucht, das Buch heimlich zurückgestellt und die Kinder weg aus der Buchecke hin zur Krimskrams-Spielzeug-Ecke gelotst, da meinte Liese im Flüsterton: „Mama, ich muss mal!“

Während ich mich fragte, was eigentlich mit meinem Karma los ist, raunte mir eine Mutter mit mitleidigem Lächeln zu, dass es zwei Läden weiter eine Toilette gäbe. Ich flitzte los, zog beide Kinder irgendwie mit mir und klärte noch schnell an der Kasse, ob es nicht vielleicht in diesem Laden eine Toilette gäbe – so ausnahmsweise – für den Notfall – ja, aber die Kleine…? Nein. Also schnell zu McDonalds rennen, unterwegs das Tochterkind fragen, ob sie es noch schaffe. Sie sah verdächtig entspannt aus – um Längen entspannter als ich – und wir schafften es tatsächlich zum zerkratzten, verdreckten, klebrigen McDonalds-Klo. Die Tür fiel gerade hinter uns zu, als ich merkte, dass Lieschen noch das große, total überteuerte Lillifee-Buch in den Händen hielt.

Ich hatte also eben meinen Kindern ganz vorbildlich und in bester Manier gezeigt, wie man unterirdisch pinkifizierte Bücher aus Buchläden klaut – man braucht nur eine gute Ausrede und etwas Stress im Gesicht, schon läuft die Nummer. Ein Bombentag.

Minuten später. Mit zerknirschtem Gesicht stand ich vor der Kasse im Buchladen und erklärte, dass wir eben aus versehen dieses Buch mitgenommen hätten, in all dem Durcheinander, dass wir irgendein Lillifee-Buch für eine 4jährige bräuchten, aber gar nicht wissen, ob dieses das Richtige sei und wir das eigentlich gar nicht unbedingt kaufen wollten und außerdem….

Die Verkäuferin lächelte mich milde mit ihren blauen Augen an. Sie stellte das Buch zurück, zeigte die anderen pinken Büchlein und ich verhandelte mit den Kindern darüber, dass man nicht einfach jedes Buch im Laden mitnehmen könne, dass sie sich ein Malbuch aussuchen könnten – eins, nur eins! – das sie sich dann teilen könnten. Diplomatisches Geschick, ich erwähnte es schon. Also hielt Fefe das Malbuch für die beiden fest, Liese das Lillifee-Malbuch für ihre Freundin und die nette Verkäuferin zwinkerte mir zu und meinte, dass alles einfacher wird, wenn die Kinder die Hände voll hätten. Für Lena suchten wir dann noch Haargummis – nein, Buntstifte – nein, ein Einhorn – nein, Glitzerstifte – nein, ein Stempelset, okay, ein Stempelset heraus. Als wir damit fertig waren, pflückte ich Fefe vom Boden, wo er den Malblock zerlegt hatte, und bugsierte beide zur Kasse.

Nachdem ich gezahlt hatte, fragte die Verkäuferin ganz nett, ob sie uns nicht zwei Conni-Rucksäcke schenken dürfe. Ich lächelte, entzückt darüber, dass wir nicht nur kein Hausverbot bekämen, sondern sogar noch etwas geschenkt – damit wir auch ja wiederkommen! Ich rief die Kinder heran. Liese nahm den roten Rucksack glücklich entgegen, Fefe musste ich erst heimlich eines der Gummitiere vom Karussel neben der Kasse aus dem Mund schrauben und – unbemerkt – zurück legen. Dann machten wir uns – gottseidank – auf den Heimweg. Wie wir so heimschlenderten, zuckte mein feministisches Herz kurz und schmerzhaft, angesichts zweier Kindern mit Conni-Rucksäcken und einer Menge ultrapinkem Lillifee-Kram in der Tasche.

Weil das alles so anstrengend war, beschlossen die Kinder zuhause, ein Eis zu brauchen. Kurz darauf saßen sie also am Küchentisch, Liese matschte ihr Sandwich-Eis gemütlich in sich herein, während Fefe noch mit der Verpackung diskutierte. Natürlich wollte der Zwerg das Eis allein aufmachen, wurde aber immer wütender als das nicht klappte. Da ich das Eis schon schmelzen sah, widersetzte ich mich seinem Befehl nicht zu helfen, was mit einem gewaltigen Wutanfall quittiert wurde. Das Eis wurde dabei halb zerquetscht und alles Wiedereinpacken, gut Zureden und trösten half nichts. Als das Kind nach 10maligem Nachfragen, ob er es nicht doch essen wollte, immer noch brüllte, aß ich es schließlich selbst. Um dem ganzen mehr Nachdruck zu verleihen, setzte ich dafür mein „Ihre-kleinen-Teufel“-Gesicht auf. Man muss als Erwachsene schließlich glaubwürdig bleiben. An diesem Punkt des Abends versprach nur eines Hoffnung auf Besserung: Kinder in die Badewanne stecken, Nudelwasser aufsetzen. Baden geht immer, Nudeln gehen immer. Beste Vorraussetzungen also, dass die Familienlaune sich steigert und der Tag sich doch noch zum Guten wendet.

Nachdem ich 10 Minuten die Ruhe in Form von Kreischen aus dem Badezimmer genossen hatte, sah ich nach dem Rechten und wies die Kinder an, das Wasser abzudrehen. Braune Boote schwammen durch den Badeschaum – große, kleine – dazu ein unverkennbarer Geruch. Ein Stoßgebet, ein leiser Fluch. Mit einer Engelsgeduld holte ich die Kinder aus der Badewanne, steckte sie in ihre Bademäntel und begann das Unglück aus dem Badewasser zu fischen. Mein Geisteszustand glich gemischtem Hack, aber ich versuchte, an etwas Schönes zu denken. Südsee, Traumstrand, der Geruch von tropischen Blüten… Die Zwiebeln auf dem Herd verbrannten, der Kleine hatte gerade in die Küche gepinkelt, weil ich es noch nicht geschafft hatte, ihm eine Windel anzulegen, da ging die Wohnungstür auf.

Der Gatte schritt gut gelaunt herein, strahlte und sagte: „Hallo, ihr Lieben! Hattet ihr einen schönen Tag?“

4 Responses to “Ein ganz normaler Regentag”

  1. Michou

    Oh, ein Blick zurück in die Vergangenheit … wie mein Gatte es überlebt hat, weiß ich nicht, aber ich war des öfteren kurz vorm Meuchelmord. Nicht nur an ihn dachte ich mit derlei Kampfeslust im Herzen, sondern auch an all diejenigen, die bei meinen Tagesberichten scheinheilig-tröstend mir die Hände auf die Schultern legten und meinten:“ Ach, das ist nur eine Phase …!“

    Spätestens beim vierten Geburtstag des Kleineren ahnte ich dann schon, dass eine Phase die nächste ablöst und sie nur selten Verbesserung brachte. Was also kann ich zu deinem sonnigen Tag mit deinen Lieben sagen …? 😀

  2. Gahi

    Du könntest mir Glück wünschen – dass die nächste Phase irgendwie besser wird 😀

  3. Michou

    Hmm, ja, natürlich, bald seid ihr aus dem Gröbsten raus und dann wird alles schön. Zwei oder drei Wochen noch und dann …!

  4. Ganayan

    Hihi – es ist so schön, die Geschichten hinter deinen Alltags-Tweets zu lesen 🙂